Eine Organspende von einem lebenden Menschen ist grundsätzlich nur möglich, wenn dessen Gesundheit durch den Eingriff langfristig nicht gefährdet wird. Daher ist die Lebendspende bisher nur für folgende Organe eine etablierte Methode:

  • Niere: Transplantation einer Niere
  • Leber: Transplantation von Teilen der Leber

Im Jahr 2013 wurden in Deutschland 2.272 Nieren transplantiert, davon 725 (32 %) nach einer Lebendspende. Lebendspenden der Leber sind seltener: Von 970 Lebertransplantationen erfolgten 83 (8,5 %) nach einer Lebendspende [1,2].

Rechtliche Voraussetzungen

Um den Organhandel und die damit verbundene Kriminalität zu vermeiden, werden im deutschen Transplantationsgesetz (TPG) strenge Vorgaben zur Lebendspende gemacht. Ein weiteres Ziel ist der Schutz des Spenders, der sich einem (wenn auch sehr geringen) gesundheitlichen Risiko aussetzt.

Der Spender muss [3]:

  • volljährig und einwilligungsfähig sein.
  • nach ärztlicher Beurteilung (auf Basis medizinischer Untersuchungen) als Spender geeignet sein, d. h. in einem guten Gesundheitszustand, so dass der Eingriff für ihn kein großes Risiko darstellt.
  • mit dem Empfänger verwandt sein oder ihm in besonderer persönlicher Verbundenheit nahestehen (Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, eingetragene Lebenspartner, Verlobte oder enge Freunde).
  • durch einen Arzt aufgeklärt werden (z. B. über Zweck und Art des Eingriffs, die durchzuführenden Untersuchungen, Risiken des Eingriffs, Maßnahmen zum Schutz des Spenders, die zu erwartende Erfolgsaussicht der Transplantation).
  • freiwillig in die Entnahme einwilligen.
  • sich zur Teilnahme an einer ärztlich empfohlenen Nachbetreuung bereit erklären.

Darüber hinaus müssen unter anderem folgende Kriterien erfüllt sein [3]:

  • Die Transplantation sollte eine geeignete Behandlungsmaßnahme sein, um das Leben des Empfängers zu erhalten und die zugrunde liegende Erkrankung zu heilen bzw. deren Beschwerden zu lindern.
  • Es darf zum Zeitpunkt der Organentnahme kein geeignetes Organ aus einer postmortalen Spende zur Verfügung stehen. Dies trifft angesichts der langen Wartezeiten auf die Organe fast immer zu.
  • Die Aufklärung des Spenders muss in Anwesenheit eines weiteren Arztes erfolgen, der weder an der Entnahme noch an der Übertragung des Organs beteiligt sein darf.
  • Eine nach Landesrecht zuständige Kommission („Lebendspende-Kommission”) muss die Transplantation in einem Gutachten befürworten. Diese Kommission überprüft, ob sich Spender und Empfänger tatsächlich nahe stehen und dem Eingriff wirklich zustimmen.

Medizinische Voraussetzungen

Die Blutgruppen von Spender und Empfänger sollten zueinander passen bzw. „kompatibel” sein. Manchmal werden auch Blutgruppen-inkompatible Spenden durchgeführt.

Besonders für die Nierentransplantation ist auch eine weitgehende Übereinstimmung von bestimmten Gewebemerkmalen (HLA-Antigene) wichtig. Dadurch wird das Risiko späterer Abstoßungsreaktionen gegen das Organ geringer. Ein wichtiger Test zu Beurteilung der Gewebeverträglichkeit ist die Kreuzprobe („cross-match”). Wird unter den Nahestehenden kein passender Spender gefunden (Gewebe- oder Blutgruppenunverträglichkeit), kann in sehr seltenen Fällen eine „Überkreuz-Lebendspende” (Cross-over-Transplantation) zwischen zwei Spender-Empfänger-Paaren durchgeführt werden [4].

Der Spender muss selbstverständlich in einem guten Gesundheitszustand sein. Dies wird mit einer Reihe von medizinischen Untersuchungen überprüft.

AB0-inkompatible Spenden und Cross-over-Transplantationen

Nach dem deutschen Transplantationsgesetz ist eine Lebendspende nur erlaubt, wenn Spender und Empfänger verwandt sind (1. und 2. Grades) oder sich sehr nahe stehen. Leider findet man in diesem Personenkreis nicht immer einen passenden Spender (Gewebe- oder Blutgruppenunverträglichkeit). Bei einer Blutgruppenunverträglichkeit kommen als Ausweg aus dieser Situation eine AB0-inkompatible Lebendspende oder eine Cross-over-Transplantation in Frage. Bei einer Gewebeunverträglichkeit (positive Kreuzprobe) kann eine Cross-over-Transplantation eine Nieren-Lebendspende möglich machen.

Während eine Cross-over-Transplantation derzeit in Deutschland noch eine „Ausnahme von der Regel" darstellt, nimmt die Zahl der AB0-inkompatible Lebendspenden zu. Bei Nieren-Lebendspenden betrug der Anteil der AB0-inkompatiblen Spenden im Jahr 2012 bereits 18 % [1]. ABO-inkompatible Leber-Lebendspenden werden in Deutschland und Europa bisher selten praktiziert. Dennoch gibt es weltweit gesehen sehr gute Erfahrungen mit diesem Verfahren. Da Säuglinge und Kleinkinder noch kaum Antikörper gegen andere Blutgruppen bilden, ist die inkompatible Leberspende für diese Gruppe möglich.

AB0-inkompatible Nieren-Lebendspende

Bei Blutgruppenunverträglichkeit („AB0-Inkompatibilität”) ist eine Transplantation nur möglich, wenn vorher beim Empfänger die Blutgruppen-Antikörper aus dem Blut entfernt werden. Dafür sind verschiedene Maßnahmen notwendig [6]:

  • Vier Wochen vor der Transplantation wird mit der Gabe eines bestimmten Medikaments die Neubildung der Blutgruppen-Antikörper unterdrückt.
  • Eine Woche vor der Transplantation muss der Empfänger mit der Einnahme der Immunsuppressiva beginnen. Zusätzlich werden mit einer Art „Blutwäsche” (Immunadsorption oder Plasmapherese) verbliebene Blutgruppen-Antikörper aus dem Blut entfernt.

Ohne diese Vorbehandlung („Konditionierung”) würden die Blutgruppen-Antikörper des Empfängers die transplantierte Niere angreifen, und das Risiko für eine Abstoßungsreaktion wäre sehr hoch. Die Blutgruppen-Antigene (A, B, AB oder 0 (kein Antigen)) befinden sich nämlich nicht nur auf der Oberfläche von Blutzellen, sondern auch auf der Oberfläche von Zellen verschiedener Organe, wie z. B. der Niere und der Leber [7].

Die weitere Behandlung – also Operation und Nachsorge – unterscheidet sich kaum von der Blutgruppen-kompatiblen Nieren-Lebendspende. Allerdings treten etwas häufiger Komplikationen auf und die Dosis der Immunsuppressiva nach AB0-inkompatibler Lebendspende ist meist etwas höher als nach anderen Formen der Nierentransplantation.

Abstoßungs- und Infektionsgefahr sind in der Frühphase nach der Transplantation gegenüber einer Blutgruppen-kompatiblen Transplantation nur leicht erhöht. Langzeitergebnisse gibt es aus Deutschland bisher nicht. Aus Japan, wo bereits über 1.000 AB0-inkompatible Nieren-Lebendspenden durchgeführt wurden, weiß man jedoch: Auch 10 Jahre nach der Transplantation sind die Organfunktion der Niere und die Lebenserwartung der Transplantierten noch genauso gut, wie nach einer Blutgruppen-kompatiblen Lebendspende [8,9].

Die Zahl der AB0-inkompatiblen Nieren-Lebendspenden nimmt in Deutschland zu: Von den 600 Nieren-Lebendspenden, die im Jahr 2009 durchgeführt wurden, waren bereits 15 % AB0-inkompatible Spenden [5].

Cross-over-Transplantationen

Bei einer Gewebe- oder Blutgruppenunverträglichkeit kann eine „Überkreuz-Lebendspende” (Cross-over-Transplantation) zwischen zwei Spender-Empfänger-Paaren sinnvoll sein. Das Prinzip ist in der Abbildung dargestellt [4].

Allerdings ist für eine Cross-over-Transplantation ein hoher organisatorischer Aufwand notwendig: Zunächst muss ein passendes Paar gefunden werden, dann müssen rechtliche Hürden genommen werden. Die zwei Paare müssen sich persönlich kennen lernen und vor einer Lebendspende-Kommission glaubhaft versichern, dass sie bereit sind, dem anderen Empfänger die Niere zu spenden. Die Transplantation selbst ist für das Transplantationszentrum aufwendiger, da vier Menschen gleichzeitig bzw. kurz hintereinander operiert werden müssen. Aus ethischer Sicht müsste man die Organentnahmen gleichzeitig vornehmen, damit nicht „in letzter Minute” noch ein Partner abspringt.

Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts (10.12.2003, Az.: B9VS1/01R) sind Cross-over-Transplantationen zwischen zwei Paaren mit dem deutschen Transplantationsgesetz vereinbar, stellen also keinen verbotenen Organhandel dar [9]. In einigen Bundesländern sind Cross-over-Transplantationen jedoch nicht erlaubt.

Stand:
08.12.2017

Autorin:
Dr. med. Susanne Rödel

Aktualisiert am:
08.12.2017

Erstellt am:
05.10.2010

Quellen:
[1] Eurotransplant. http://statistics.eurotransplant.org (zuletzt besucht am 12.05.2017)
[2] Deutsche Stiftung Organtransplantation. www.dso.de (zuletzt besucht am 12.05.2017)
[3] Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen und Geweben. http://bundesrecht.juris.de (zuletzt besucht am 12.05.2017)
[4] Liefeldt L, Giessing M, Fuller TF et al.: Lebendnierentransplantation. Nephrologe 2006; 1: 63–70.
[5] Website des Transplantationszentrums Freiburg. http://www.transplantationszentrum-freiburg.de (zuletzt besucht am 12.05.2017)
[6] Medizinischer Beirat von „Transplantation verstehen" 
[7] Das AB0-System. Verlesung Transfusionsmedizin der Uni Marburg. http://transfusionsmedizin.uk-wuerzburg.de (zuletzt besucht am 12.05.2017) 
[8] Guthoff M, Wernet D, Steurer W, Heyne N: AB0-inkompatible Nierentransplantation. Dtsch med Wochenschr 2009; 134(50): 2577.
[9] Jones J, Hampel C: Erweiterung des Donorpools in der Nierentransplantation. Urologe 2009; 48: 1459-63.