Einleitung

Für Menschen mit einem nicht mehr zu behebenden Nierenversagen (Niereninsuffizienz) ist eine Nierentransplantation in den meisten Fällen die beste Behandlungsmethode. Sie erhalten dabei eine „neue" Niere von einem Organspender. Eine Spenderniere reicht aus, um alle Aufgaben zu übernehmen, die von den kranken eigenen Nieren nicht mehr geleistet werden können. Da jeder Mensch mit nur einer Niere leben könnte, kann eine Niere auch von lebenden Spendern entnommen werden.
Die Zahl der Menschen, die eine neue Niere benötigen, ist viel größer als die Zahl der Spendernieren. Daher müssen nierenkranke Menschen oft mehrere Jahre auf ein Organ warten. Die Ausscheidungs- und Entgiftungsfunktion der Nieren übernimmt in dieser Zeit die Dialyse („Blutwäsche"). Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Arten der Dialyse:
die Hämodialyse und die Bauchfelldialyse.
Ohne die Dialysebehandlung würden schwerst Nierenkranke, für die nicht schnell genug ein Spenderorgan gefunden wird, versterben. Daher ist die Dialyse lebensrettend. Sie bedeutet aber keine Heilung, und sie kann nicht alle Aufgaben der Nieren übernehmen. Dialysepatienten leiden weiterhin an ihrer Nierenerkrankung. Ihr Gesundheitszustand bleibt beeinträchtigt.
Nach einer Nierentransplantation hingegen geht es den meisten Patienten deutlich besser. Die neue Niere bewerkstelligt alle Aufgaben, die vor dem Beginn der Erkrankung von den eigenen Nieren erfüllt wurden. Nierentransplantierte Menschen haben eine höhere Lebenserwartung als Dialysepatienten, die auf ein Spenderorgan warten [1,2].
In Deutschland wurde 1963 zum ersten Mal eine Nierentransplantation durchgeführt. Mittlerweile finden in Deutschland pro Jahr mehr als 2.500 Nierentransplantationen statt [3].

Etappen einer Organtransplantation

Unabhängig davon, um welches Organ es sich handelt - der Weg zum Leben mit einem Spenderorgan ist nahezu der Gleiche. Man kann sagen, dass alle Organempfänger vier Etappen durchlaufen:
1. Wartezeit: Besteht wegen einer schweren Erkrankung die Notwendigkeit für eine Transplantation, kann sich der Patient auf die so genannte „Warteliste" setzen lassen. Oft dauert es einige Monate, meist Jahre, bis ein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht.
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2. Operation: Dann folgt die Transplantation, also die Operation, in der dem Empfänger das Spenderorgan übertragen wird.
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3. Die ersten Monate: Nach der Transplantation muss das neue Organ seine Arbeit aufnehmen. Normalerweise würde es vom Abwehrsystem des Körpers als „fremdes" Gewebe erkannt und angegriffen werden. Obwohl hierbei andere Mechanismen zum Tragen kommen, ist das Prinzip vergleichbar mit der Unverträglichkeit zwischen verschiedenen Blutgruppen. Deshalb müssen ab der Transplantation lebenslang Medikamente eingenommen werden, die das Abwehrsystem regulieren (Immunsuppressiva). Nur so kann das Organ vom Körper angenommen werden und funktionieren. In den ersten Monaten nach der Transplantation muss sich der Patient noch sehr oft zu Untersuchungen in seinem Transplantationszentrum vorstellen. Dabei wird unter anderem die Dosis der Medikamente individuell auf den Patienten abgestimmt.
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4. Das neue Leben: Nachdem sich der Gesundheitszustand stabilisiert hat, kann das neue Leben genossen werden. Damit die Transplantation langfristig erfolgreich bleibt, muss man einige Dinge beachten.
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Aufbau und Funktion der Nieren

Die Nieren übernehmen im menschlichen Körper eine Reihe (lebens-)wichtiger Aufgaben. Die wichtigsten sind die Filterung des Blutes und die Produktion von Urin (Harn), der über die Blase und die Harnröhre ausgeschieden wird. Um zu verstehen, auf welche Weise die Nieren das Blut filtern und Harn produzieren, lohnt sich ein Blick auf die Anatomie (den Aufbau) dieses Organs:
Die Nieren sind faustgroße, bohnenförmige Organe. Jeder Mensch wird mit zwei Nieren geboren. Sie befinden sich rechts und links der Wirbelsäule und liegen auf der Höhe der unteren Brustwirbel und der oberen Lendenwirbel. Die Nieren lassen sich - von außen nach innen betrachtet - in drei Bereiche unterteilen: Nierenrinde, Nierenmark und Nierenbecken.

Nierenrinde

In der Nierenrinde befinden sich die eigentlichen „Filter" der Niere, die so genannten Nephrone. In jeder Niere gibt es bis zu 1,4 Millionen Nephrone. Sie bestehen aus Nierenkörperchen und Nierenkanälchen (Tubuli). Die Nierenkörperchen wiederum bestehen aus einem Gefäßknäuel (Glomerulus), welches von einer Kapsel umgeben ist.
Diese Gefäßknäuel (Glomeruli) sind mit zwei Arterien, die für den Zu- und Abfluss des Blutes sorgen, sowie den Nierenkanälchen verbunden. Die Wände der Glomeruli sind - ähnlich einem Sieb - für einige kleine Blutbestandteile wie Harnstoff, Zuckermoleküle, Wasser und Salze durchlässig, nicht jedoch für größere Bestandteile, wie z. B. die weißen oder roten Blutkörperchen. Fließt Blut durch die Glomeruli hindurch, werden die kleineren Substanzen zusammen mit etwas Wasser aus dem Blutgefäß herausgepresst und gelangen in die angeschlossenen Nierenkanälchen. Die in diesem ersten Schritt aus dem Blut herausgefilterte Flüssigkeit wird als Primärharn bezeichnet.
Die Nierenkanälchen nehmen über ihre ebenfalls siebartigen Gefäßwände einen Großteil der herausgefilterten Stoffe und des Wassers aus dem Primärharn wieder auf. In ihm verbleiben hauptsächlich Substanzen, die bei einem Verbleib im Blut den Organismus belasten bzw. vergiften würden.

Nierenmark und Nierenbecken

Die Nierenkanälchen, die sich hauptsächlich durch die Nierenrinde ziehen, gehen in so genannte Sammelrohre über, die sich im Nierenmark befinden. Circa zehn Nierenkanälchen münden in ein Sammelrohr. Auch hier wird dem Primärharn Wasser entzogen. Das Nierenmark ist pyramidenförmig angeordnet. Die Spitze dieser Pyramiden (Papillen) mündet in die Nierenkelche, die den nun konzentrierten Harn aufnehmen und ihn in das Nierenbecken weiterleiten. Von dort verlässt er die Niere über den Harnleiter.

Weitere Funktionen der Nieren

Neben der Filterung des Blutes und der Produktion des Urins übernehmen die Nieren noch weitere wichtige Aufgaben.
Sie produzieren ein im Zusammenhang mit der Blutbildung wichtiges Hormon - das Erythropoetin. Es wird in die Blutbahn abgegeben und gelangt so unter anderem zum Knochenmark. Hier regelt es die Neubildung roter Blutkörperchen, die für die Aufnahme von Sauerstoff in das Blut und den Transport des Sauerstoffs zu den Körpergeweben zuständig sind.
Die Nieren wandeln außerdem Vitamin D in seine aktivierte Form (Calcitriol) um. Vitamin D fördert die Aufnahme von Kalzium aus der Nahrung und erhöht den Kalziumspiegel im Blut. Auf diese Weise fördert es den Einbau von Kalzium in die Knochen und erhöht die Knochenstabilität.
Auch das Enzym Renin wird in den Nieren gebildet. Es ist an der Regulation des Blutdrucks und des Flüssigkeitshaushalts beteiligt. Renin setzt einen Prozess in Gang, an dessen Ende sich die Gefäße verengen und weniger Wasser und Salze ausgeschieden werden. Beide Effekte erhöhen den Blutdruck.
Da die Nieren die Zusammensetzung des Harns kontrollieren, beeinflussen sie über die Ausscheidung verschiedener Substanzen zudem den Säure-Basen-Haushalt und den Salzhaushalt des Körpers.

Geschichte der Nierentransplantation

Die Idee, kranken Menschen mit schweren Organschäden ein funktionierendes Spenderorgan einzusetzen, ist Ärzten schon lange ein Anliegen. Die erste dokumentierte Transplantation fand bereits 1902 an einem Tier statt: Der Chirurg Emerich Ullmann verpflanzte eine Niere an den Hals eines Hundes. 1906 führte Matthieu Jaboulay eine Transplantation einer Schweineniere bei einer schwer nierenkranken Frau durch. Das neue Organ funktionierte zwar kurzzeitig, musste aber nach drei Tagen wieder entnommen werden.

Gründe für die Abstoßung werden entdeckt

In den folgenden Jahren zeigte sich, dass Transplantationen von Eigengewebe lange Zeit erfolgreich waren. Von einem Menschen zum anderen verpflanzte Transplantate funktionierten jedoch nur wenige Tage bis einige Monate, und von Tieren stammende Organe wurden häufig schon nach Stunden abgestoßen. Es blieb die Frage, was für diese unterschiedliche Verträglichkeit verantwortlich war. 1914 entdeckte J. B. Murphy die wichtige Rolle der Lymphozyten für die Abstoßung fremden Gewebes.
Die erste Transplantation, die dauerhaft erfolgreich blieb, war eine Nierentransplantation. Im Jahr 1954 transplantierte der Chirurg Joseph Murray aus Boston einem schwer nierenkranken Patienten die Niere seines eineiigen Zwillingsbruders. Dieser Erfolg ließ sich jedoch zunächst nur auf eineiige Zwillinge übertragen, da diese - und somit auch deren Immunsystem - genetisch identisch sind. Deshalb wurde das verpflanzte Organ nicht vom Immunsystem des Empfängers bekämpft.

Erster Einsatz der Immunsuppression

Ein weiterer Durchbruch in der Transplantationsmedizin ereignete sich ebenfalls in Boston: 1959 glückte die erfolgreiche Verpflanzung einer Niere von einem zweieiigen Zwillingsbruder zum anderen. Um das Immunsystem zu unterdrücken und dadurch Abstoßungsreaktionen zu verhindern (Immunsuppression), setzten die Ärzte Röntgenstrahlen und Steroide ein. Durch die Immunsuppression gelangen später auch Transplantationen zwischen nicht verwandten Personen, jedoch führte die damals übliche Kombinationsbehandlung mit Bestrahlungen, Steroiden und - später - einer begleitenden Gabe von 6-Mercaptopurin meist zu schweren Nebenwirkungen.
Nur drei Jahre später gelang Bostoner Ärzten eine Transplantation zwischen nicht verwandten Personen mit einer rein medikamentösen Immunsuppression.

Nierentransplantation in Deutschland

Die erste Nierentransplantation in Deutschland wurde im Jahr 1963 in Berlin von den Ärzten Wilhelm Brosig und Reinhard Nagel durchgeführt. Mittlerweile ist sie hierzulande ein etabliertes Behandlungsverfahren: Jährlich erhalten mehr als 2000 Menschen durch eine Transplantation eine neue Niere (aus postmortaler Organspende und aus Lebendspende).
Da sowohl die angewandten Operationstechniken als auch die medikamentöse Therapie mit Immunsuppressiva seit Beginn der sechziger Jahre enorme Fortschritte erzielt haben, weisen Nierentransplantationen heute eine gute langfristige Prognose auf.

Stand:
07.12.2017

Autorin:
Dr. med. Susanne Rödel

Aktualisiert am:
22.12.2010, 20.05.2014, 07.12.2017

Erstellt am:
10.11.2009

Quellen:
[1] Wolfe RA, Ashby VB, Milford EL et al.: Comparison of mortality in all patients on dialysis, patients on dialysis awaiting transplantation, and recipients of a first cadaveric transplant. N Engl J Med 1999; 341(23): 1725-30.
[2] Port FK, Wolfe RA, Mauger EA et al.: Comparison of survival probabilities for dialysis patients vs cadaveric renal transplant recipients. JAMA 1993; 270(11): 1339-43.
[3] Deutsche Stiftung Organtransplantation (www.dso.de, zuletzt besucht am 12.05.2017)
[4] Krukemeyer MG, Lison AE: Transplantationsmedizin. De Gruyter Verlag, Berlin 2006
[5] Bechstein WO, Wullstein C et al.: Transplantation abdomineller Organe - was gibt es Neues? Unimed Verlag, Bremen 2005
[6] Aumüller G et al.: Anatomie. Thieme Verlag, Stuttgart 2007
[7] Schmidt RF: Physiologie des Menschen : mit Pathophysiologie. Springer Verlag, Berlin 2007
[8] Geschichte der Transplantation - Amüsantes und Lehrreiches. Broschüre der Novartis Pharma GmbH

 

 

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