Der Empfänger

Um ein Spenderorgan erhalten zu können, muss sich ein Patient, der ein Organ benötigt, bei einem Transplantationszentrum vorstellen. Dort wird zunächst  festgestellt, ob er für eine Transplantation in Frage kommt. Ausschlaggebend hierfür sind der allgemeine gesundheitliche Zustand des Patienten sowie die Erfolgsaussichten des Eingriffs in seinem speziellen Fall. Die Entscheidung, ob eine Transplantation angestrebt werden soll, treffen Patient und Arzt gemeinsam nach Abwägung aller Nutzen und Risiken.

Ist die Entscheidung für eine Transplantation getroffen, setzt das Transplantationszentrum den Patienten bei Eurotransplant auf die Warteliste. Eurotransplant ist eine europäische gemeinnützige Stiftung mit Sitz in den Niederlanden. Innerhalb der kooperierenden Staaten (Niederlande, Belgien, Luxemburg, Deutschland, Österreich, Kroatien, Slowenien, Ungarn) werden Organe von verstorbenen Spendern ausschließlich über Eurotransplant an Empfänger vermittelt.

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Der Spender

Die Krankenhäuser melden der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), sobald ein Verstorbener für eine Organspende in Betracht kommt. Hierzu müssen zwei, an der Organtransplantation nicht beteiligte, Ärzte, von denen mindestens einer Facharzt/-ärztin für Neurologie oder Neurochirurgie ist, unabhängig voneinander den Hirntod eines potenziellen Spenders festgestellt haben [3]. Bei Kindern bis zum 14. Lebensjahr muss zusätzlich einer der Ärzte Facharzt/ärztin für Kinder- und Jugendmedizin sein. Anschließend sprechen sie oder die ärztlichen Koordinatoren der DSO mit den Angehörigen, um zu klären, ob der Verstorbene seine Einwilligung für eine Organentnahme gegeben hat bzw. ob eine Organentnahme im Sinne des Verstorbenen wäre. Ist dies der Fall, untersuchen die Ärzte den potenziellen Spender in Hinblick auf eine Eignung der Organe zur Transplantation und geben die Daten über die DSO an Eurotransplant weiter. Dort wird ein passender Empfänger für das Organ ermittelt. Lebt dieser Empfänger in Deutschland, informiert Eurotransplant die DSO und das zuständige Transplantationszentrum.

Die Transplantation

Die DSO organisiert in Zusammenarbeit mit dem Transplantationszentrum die Entnahme und den Transport des Organs. Nach der Übergabe an das Transplantationszentrum wird dem Empfänger das Organ transplantiert. Dieser Teil des Ablaufs wird in der Etappe „Die Operation" näher beschrieben.

Wie kommt man auf die Warteliste?

Wenn eine Erkrankung so schwerwiegend ist, dass eine Organtransplantation notwendig wird, überweist der betreuende Arzt den Patienten zu einem Transplantationszentrum. Der Patient kann sich ein Transplantationszentrum aussuchen, das auf die Transplantation des jeweiligen Organs spezialisiert ist. Zur Übersicht der Transplantationszentren

Im Transplantationszentrum wird untersucht, ob eine Transplantation wirklich notwendig ist und ob der Patient als Empfänger eines Organs geeignet ist. Außerdem werden medizinische Daten erhoben, die für die Vermittlung von Organen wichtig sind. Kommen die Ärzte nach Abschluss der Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass eine Transplantation medizinisch nötig und möglich ist, übermitteln sie die Daten an die Stiftung Eurotransplant. Die Meldung bei Eurotransplant durch das Transplantationszentrum bedeutet für den Patienten, dass er nun auf der Warteliste für das benötigte Organ steht.

Wie wird über die Organvergabe entschieden?

Die Entscheidung, wer welches Spenderorgan bekommt, trifft ein Computersystem bei Eurotransplant, das neben medizinischen Kriterien unter anderem die Wartezeit einbezieht. Die Gewichtung der einzelnen Kriterien ist bei den verschiedenen Organen unterschiedlich. Deshalb gilt z. B. insbesondere für Niere und Pankreas: Je länger man auf der Warteliste steht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ein Spenderorgan zu bekommen. Eine Garantie auf ein Organ gibt es jedoch grundsätzlich nicht.

Nach welchen Kriterien werden die Organe verteilt?

Die Entscheidung darüber, wer ein Organ bekommt, erfolgt anhand medizinischer Kriterien und ist nicht beeinflussbar. Für jedes neue Spenderorgan wird von Eurotransplant eine eigene Rangliste erstellt, in der die möglichen Empfänger des Organs aufgelistet sind. Die Rangfolge in der Liste hängt von verschiedenen Kriterien ab. Diese Kriterien sind je nach Organ unterschiedlich wichtig bzw. haben eine unterschiedliche Priorität.

Wichtige Kriterien für die Auswahl eines Empfängers sind eine passende Blutgruppe von Organspender und -empfänger sowie – bei einigen Organen – die Übereinstimmung der HLA-Antigene. Auch die Dringlichkeit einer Transplantation spielt eine wichtige Rolle. Sie wird organspezifisch beurteilt. Für die Leber existiert beispielsweise ein Score-System (MELD-Score), das die Dringlichkeit der Transplantation vorhersagt, für die Niere ein Punktewert, der sich in erster Linie nach der Wartezeit richtet.

Im Allgemeinen steht jedoch „HU“ (High Urgency) für höchste Dringlichkeit. „T“ (Transplantable = möglich) bedeutet, dass keine außergewöhnliche Dringlichkeit vorliegt. Deshalb werden HU-Empfänger bei der Vergabe bevorzugt behandelt. Die Zuordnung zu dieser Gruppe muss in jedem Einzelfall begründet werden.

Ein weiteres Kriterium ist die Wartezeit eines Patienten auf ein Organ. Die Wartezeit ist gleichbedeutend mit der Zeit, die ein Empfänger sich auf der Warteliste befindet. Bei der Niere zählt der erste Dialyse-Tag als Beginn der Wartezeit. Bei der kombinierten Nieren-Pankreas-Transplantation kann die Anmeldung schon vor Beginn der Dialyse erfolgen. Je länger die Wartezeit, desto höher die Chance, bald ein neues Organ zugeteilt zu bekommen.

Hinzu kommt der Aspekt der Konservierungszeit, also der Zeit, die das Organ zwischen der Entnahme und der Transplantation konserviert werden muss. Je kürzer diese Zeitspanne, desto besser ist diese für die Spenderorganfunktion nach der Transplantation. Aus einer geringeren Entfernung zwischen dem Behandlungsort des Organempfängers und dem Ort der Organentnahme ergibt sich eine kürzere („bessere“) Konservierungszeit.

Weiterführende Informationen zu den Besonderheiten der Organverteilung bei Herztransplantationen finden Sie im Spezialthema Herztransplantation.

Wie lange dauert die Wartezeit?

Wie lange ein Empfänger auf ein Transplantat warten muss, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Wartezeiten unterscheiden sich je nach Organ teilweise deutlich. Generell werden sie von der Anzahl der Spender und der potenziellen Empfänger bestimmt.

Hinzu kommen die Kriterien, nach denen Organe verteilt werden: Einige Blutgruppen können nicht miteinander kombiniert werden. Daher passt nicht jedes Spenderorgan zu jedem Empfänger. Außerdem werden die Empfänger bei den meisten Organen in Fälle mit hoher und normaler Dringlichkeitsstufe eingeteilt. Aus diesen Gründen kann die Wartezeit bei zwei Patienten, die auf das gleiche Organ warten, sehr unterschiedlich sein. Eine allgemeine Schätzung ist sehr schwierig.

Da die Nachfrage nach Nieren mit Abstand am höchsten ist, ist auch die Wartezeit entsprechend lang. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 2.094 Nieren transplantiert, davon 597 nach einer Lebendspende. Diesen Nierentransplantationen stehen rund 8.000 Personen gegenüber, die sich auf der Warteliste für eine Niere befinden. Wegen dieses ungünstigen Verhältnisses von verfügbaren und benötigten Nieren müssen Dialysepatienten ca. vier bis acht Jahre warten, bis sie ein Organ zugeteilt bekommen [5,6].

Bei den meisten anderen Organen ist das Verhältnis von Transplantationen pro Jahr und verbleibenden Personen auf der Warteliste günstiger. Allerdings ist eine Transplantation bei diesen Organen oft dringlicher, weil die jeweiligen Behandlungsverfahren nicht ein ebenso langes Überleben ermöglichen wie die Dialyse. Die Zahlen für das Jahr 2016 [5,6]:

  • Leber: 888 Transplantationen (darunter 50 nach Lebendspende), 1.157 Personen auf der Warteliste
  • Herz: 297 Transplantationen, 725 Personen auf der Warteliste
  • Lunge: 328 Transplantationen, 390 Personen auf der Warteliste
  • Bauchspeicheldrüse (Pankreas): 97 Transplantationen (meist kombinierte Nieren-Pankreas-Transplantationen), 275 Personen auf der Warteliste 

Warum ist die Wartezeit so lang?

Für die teilweise langen Wartezeiten auf ein Organ gibt es verschiedene Gründe. Der wichtigste ist, dass viele Menschen in Deutschland keinen Organspendeausweis besitzen. Dadurch werden weitaus weniger Organe für eine Spende zur Verfügung gestellt, als benötigt würden. Auf eine Million Einwohner kommen 10 Spender - im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit auf den hinteren Plätzen [1].

Die geringe Anzahl von Menschen mit Organspendeausweis steht im Widerspruch zur hohen Akzeptanz, die Organspenden in der Bevölkerung genießen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2003 zeigt: Rund zwei Drittel der Jugendlichen wären damit einverstanden, dass ihnen nach dem Tod Organe entnommen werden. Demgegenüber stehen elf Prozent, die tatsächlich einen Organspendeausweis besitzen [2].

Um die Akzeptanz von Organspenden weiter zu erhöhen und vor allem mehr Menschen dazu zu motivieren, sich einen Organspendeausweis zu besorgen, gibt es verschiedene Aktionen (z. B. www.radtour-pro-organspende.de), die das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit tragen.

Ein weiterer Grund für die niedrigen Spenderaten sind ungünstige strukturelle Bedingungen in manchen Krankenhäusern. Sie können keine Spenderorgane entnehmen oder nehmen nicht an der Gemeinschaftsaufgabe Organtransplantation teil. An der Verbesserung dieser Situation wird gearbeitet – unter anderem durch Änderungen des Transplantationsgesetzes im Jahr 2012 [9,10].

Um dem Mangel geeigneter Spenderorgane zu begegnen, werden mitunter auch die Spenderkriterien erweitert. Durch diese Maßnahme stehen auch Organe zu Verfügung, die nicht vollständig den Standardkriterien entsprechen. Bei Patienten mit fortgeschrittenem Organversagen sind diese Organe häufig die einzige Möglichkeit, rechtzeitig ein geeignetes Organ zu erhalten [11].

Stand:
07.12.2017

Autorin:
Dr. med. Susanne Rödel

Aktualisiert am:
02.09.2010, 20.05.2014, 07.12.2017

Erstellt am:
19.08.2009

Quellen:
[1] Bechstein WO, Wullstein C et al.: Transplantation abdomineller Organe - was gibt es Neues? Unimed Verlag, Bremen 2005
[2] Deutsche Stiftung Organtransplantation (www.dso.de, zuletzt besucht am 18.05.2017)
[3] Richtlinie der Bundeärztekammer zur Feststellung des Hirntodes
(http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/irrev.Hirnfunktionsausfall.pdf, zuletzt besucht am 23.08.2017)
[4] Medizinischer Beirat von „Transplantation verstehen“
[5] Eurotransplant (http://statistics.eurotransplant.org, zuletzt besucht am 18.05.2017)
[6] Deutsche Stiftung Organtransplantation (www.dso.de, zuletzt besucht am 18.05.2017)
[7] Durchschnittliche Anzahl postmortaler Organspender in ausgewählten europäischen Ländern in den Jahren 2010 bis 2016 (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/239470/umfrage/anzahl-postmortaler-organspender-in-ausgewaehlten-europaeischen-laendern, zuletzt besucht am 23.08.2017
[8] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Organspende schenkt Leben (www.organspende-info.de, zuletzt besucht am18.05.2017)
[9] Otto G, Fassbinder W, Blettner M et al.: Organspende in Deutschland: Kritische Situation. Dtsch Arztebl 2009; 106(5): A 182–4. Zum Artikel (zuletzt besucht am 18.05.2017)
[10] Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes vom 21. Juli 2012. Zum Gesetzestext (zuletzt besucht am 18.05.2017)
[11] Krukemeyer MG, Lison AE: Transplantationsmedizin. De Gruyter Verlag, Berlin 2006