Steckbrief

Jahrgang 1962

1992 Herz-Lungen-Transplantation

Jeden Tag aufs Neue freuen wir uns des Lebens und genießen auch Kleinigkeiten sehr bewusst und immer mit einer tiefen Dankbarkeit, dass uns ein zweites Leben geschenkt worden ist.

Die Wartezeit

Ich kam mit einem schweren angeborenen Herzfehler auf die Welt, der Eisenmenger genannt wurde. Die Ärzte gaben mir keine Überlebenschance. Ich aber lebte doch weiter, machte meine Schule normal und später eine Lehre als Näherin, fast zehn Jahre arbeitete ich im Zuschnitt, bevor sich im Sommer 1989 mein Gesundheitszustand dramatisch verschlimmerte.

Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich zum ersten Mal, dass man mir durch eine Herz-Lungen-Transplantation helfen könnte. Ich war inzwischen 26 Jahre und für mich stand sofort fest, dass ich diese Operation machen lassen würde, obwohl ich nichts darüber wusste, aber man bot mir ja eine Chance weiter zu leben. Auf die Warteliste kam ich mit 29 Jahren im April 1992.

Die Operation

Bereits seit 27. Januar 1992 lag ich in Bielefeld im Krankenhaus. Vor der Transplantation waren noch einige Untersuchungen und eine Mandeloperation nötig, sowie das Ziehen von zwei Zähnen, die Gefahr bedeutet hätten unter der später notwendigen Immunsuppression. Am 9.September 1992 durfte ich am Nachmittag nach Hause, da es der Geburtstag meiner Mutter war. Ich war gerade dabei, mich von allen Gästen zu verabschieden, um wieder ins Krankenhaus zu fahren, als der Anruf von der Medizinischen Hochschule Hannover kam, dass für mich Organe gefunden worden waren.

Als ich in Bielefeld ins Krankenhaus kam, stand schon der Krankenwagen bereit, der mich nach Hannover gebracht hat.

Nach dem Anruf war ich erst ein bisschen aufgeregt, aber je näher wir Hannover kamen, desto ruhiger wurde ich.

In der Klinik wurde als erstes noch ein Röntgenbild gemacht. Dann kam ich auf die Station, wo ich noch einmal duschen sollte und warten musste, ob die Organe auch gesund sind. Kurz nach elf wurde ich in den OP gefahren. Meine Mutter hat gegen sechs Uhr morgens dann Bescheid bekommen, dass ich jetzt auf der Intensivstation bin und die Operation sehr gut verlaufen ist. Ich konnte schon 23 Tage nach der Transplantation nach Hause.

Die ersten Monate

Das sehr pünktliche Einnehmen der Tabletten war für mich nicht schlimm, denn damit bin ich ja groß geworden. Für mich begann ein völlig neues Leben, eines, was ich bis dahin noch nicht kennen gelernt hatte. Ich durfte Dinge tun, an die ich vor der Transplantation noch nicht einmal zu denken gewagt hatte.

Wie zum Beispiel Sport zu machen, oder ins Fitnessstudio zu gehen. Aber das Schönste war, das ich endlich wieder in meinem eigenen Zimmer schlafen konnte. Vor der Transplantation habe ich fast drei Jahre bei meiner Mutter im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen müssen, weil es zu anstrengend war, die Treppe herauf zu gehen. Jetzt konnte ich auch mehrmals hintereinander Treppen rauf und runter laufen ohne ein winziges Problem.

Da meine Transplantation geradezu bilderbuchmäßig verlaufen war, haben sich die Zeitabstände der Vorstellung im Transplantationszentrum sehr schnell vergrößert.

Nach einem halben Jahr war ich schon bei einem Drei-Monats-Rhythmus.

In einer Reha-Klinik bin ich nicht gewesen, denn 1992 gab es noch keine Klinik, die mit der besonderen Situation nach einer Lungentransplantation umgehen konnte. Damals gab es die Lungentransplantation in Deutschland noch nicht lange. Es musste eine sehr hohe Immunsuppression genommen werden. Daher war auch die Infektionsgefahr bei uns sehr hoch. Ich bin zwei Jahre, egal wo ich hin ging - ob nur zum Bäcker, zur Bank oder in den Supermarkt - nur mit Mundschutz gegangen. Bei Ärzten und in Krankenhäusern trage ich den Mundschutz heute noch.

Das neue Leben

Das neu geschenkte Leben habe ich sehr genossen. Ich wusste vor der Transplantation schon, dass ich berentet bleibe, aber das hat mir dann nichts ausgemacht, weil ich so einfach die ganz normalen Dinge des Lebens, wie z. B. Wäsche waschen, Staub saugen oder aber Kochen und Backen richtig genießen konnte. Neben meinem Beruf waren das alles Dinge, die ich vorher gar nicht oder nur bedingt tätigen konnte, weil einfach nie genug Kraft für mehrere Sachen da war.

Verreist bin ich nach der Transplantation nicht, aber das hatte familiäre Gründe, denn ich habe meine an Alzheimer erkrankte Großmutter bis zu Ihrem Tod 2001 gepflegt. Danach bin ich aber öfter verreist, besonders in die Berge, denn alles was über 1.000 Meter lag, war für mich vor der Transplantation absolut tabu.

1998 habe ich dann Herrn W. durch den BdO (Bundesverband der Organtransplantierten) kennen gelernt und mit ihm zusammen Aufklärung über Organspende auf Gesundheitstagen und Messen gemacht sowie Patientenbetreuung. Aus dieser Arbeit ist eine tiefe Liebe geworden, die wir im August 2004 mit unserer Hochzeit gekrönt haben. Mein Mann ist seit 1994 herztransplantiert und seit März 2009 auch noch nierentransplantiert. Jeden Tag aufs Neue freuen wir uns des Lebens und genießen auch Kleinigkeiten sehr bewusst und immer mit einer tiefen Dankbarkeit, dass uns ein zweites Leben geschenkt worden ist.