Steckbrief

Jahrgang 1954

1996 Lebertransplantation

Trotz dieser bleibenden Komplikationen (Diabetes, Niereninsuffizienz und Bluthochdruck) gelange ich zu einer positiven Lebenseinstellung, denn ohne die Transplantation wäre ich bereits tot.

Die Wartezeit

Meine Krankengeschichte beginnt an einem Wochenende im Jahr 1978. Es ist Samstag, und gerade halte ich den Brief in Händen, der meine Zulassung zum Studium der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum bestätigt.

Die Freude darüber währt jedoch nicht lange. Unerwartet und plötzlich setzen starke Schmerzen im rechten Oberbauch ein, die mich zwingen, noch am selben Tag einen Notarzt aufzusuchen. Als Urologe vermutet er Gallen- bzw. Nierensteine. Nach einer kurzen Untersuchung und einer krampflösenden Spritze, die auch die Schmerzen schnell eindämmt, werde ich mit der Bitte, schnellstmöglich meinen Hausarzt zu konsultieren, entlassen, damit weitere Untersuchungen veranlasst und eine genaue Diagnose gestellt werden können. Da ich nun selbst über meinen Gesundheitszustand so schnell wie möglich Gewissheit erhalten möchte, besuche ich sofort in der folgenden Woche meinen Hausarzt, der u. a. über eine Blutentnahme erhöhte Transaminasen (Leberwerte) feststellt, was weiterer Untersuchungen bedarf.

So erfolgt ein zweiwöchiger Krankenhausaufenthalt, bei dem über eine Reihe von Labormessungen und anderer Diagnoseverfahren wie Ultraschall, Bauchspiegelung mit einer Punktion der Leber sowie einem Brom-Jod-Test zur Überprüfung ihrer Funktionsfähigkeit die Ursache der erhöhten Transaminasen festgestellt wird.

Das Ergebnis kommt einem Todesurteil gleich: Ich bin erkrankt an einer Hepatitis „Non A Non B" (erst ein Jahrzehnt später wird sie als Hepatitis „C" klassifiziert), die bereits an einigen Stellen eine Leberzirrhose in Gang gesetzt hat. Die folgende, ausführliche Anamnese gibt keinen Aufschluss darüber, wann und wie ich mich mit dem Virus infiziert haben könnte. Bisher hatte ich, mit Ausnahme der üblichen Kinderkrankheiten, lediglich eine Blinddarmentzündung mit anschließender OP über mich ergehen lassen müssen, und nun bin ich mit einer tödlich verlaufenden Erkrankung infiziert! Zu diesem Zeitpunkt bin ich 24 Jahre alt, verheiratet, habe einen kleinen Sohn und mein Leben eigentlich erst noch vor mir.

Viele Fragen wie etwa „Welche Therapiemöglichkeiten habe ich?", „Wie ist der Krankheitsverlauf?" oder „Wie viel Zeit bleibt mir noch?" stürmen auf mich ein und stehen zunächst nun im Vordergrund meines Denkens und Handelns, aber auch Fragen nach dem Beruf, der Karriere und vor allem der Familie. Verzweifelt suche ich nach Antworten! Wie soll es nun weitergehen?

Nach einigen Arztgesprächen wird deutlich, dass es zu dieser Zeit keine Therapiemöglichkeit der Erkrankung gibt, mit Ausnahme einer Lebertransplantation, die Ende der 70er Jahre allerdings in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Auch heute übliche Therapien von HCV (Hepatitis-C-Virus) sind damals noch nicht bekannt bzw. noch nicht zugelassen, da entsprechende Studien fehlen. Doch zunächst geben die Ärzte mir die Hoffnung, dass die Zirrhose nicht schnell fortschreiten wird und mein Tod nicht unmittelbar bevor steht. Man gibt mir allerdings sehr deutlich zu verstehen, dass mich langfristig nur eine Lebertransplantation retten kann.

Mit der Unterstützung meiner Frau und der Familie sowie der Ärzte gelingt es mir nach dem ersten Schock, wieder rational zu denken und so zumindest meine nahe Zukunft zu planen.

Von nun an werde ich ständig medizinisch überwacht. Durch regelmäßige Blutabnahmen kontrolliert mein Hausarzt fortlaufend die Leberwerte, um so das Fortschreiten meiner Erkrankung zu beobachten. Die Kontrollen sind einerseits lästig, andererseits vermitteln sie mir jedoch auch eine gewisse Sicherheit, da ich nun ständig über meinen Gesundheitszustand informiert bin. Weil alle Laborwerte zwar, wie zu erwarten, konstant erhöht bleiben, es mir aber sonst gut geht und noch keine weiteren gesundheitlichen Einschränkungen zu verzeichnen sind, beginne ich wie geplant mein Studium.

Der konstante Gesundheitszustand, mein privates Umfeld und mein Studienbeginn verdrängen nach und nach die Existenzangst und lassen mich fast die Erkrankung ganz vergessen. Ich führe ein normales Leben mit noch guter Lebensqualität.

So ist es mir möglich, 1981 das begonnene Studium mit dem akademischen Grad des „Diplom-Sozialwirt" abzuschließen. Es folgt der erste Arbeitsplatz in der Institutsmarktforschung in Hamburg wodurch der Umzug der gesamten Familie von NRW nach Hamburg notwendig wird. Nach einem kurzen beruflichen Intermezzo in Frankfurt kehre ich nach Hamburg zurück, von wo aus ich dann später in Lingen an der Ems eine erneute berufliche Herausforderung annehme, die es allerdings mit sich bringt, dass ich nur an den Wochenenden bei meiner Familie sein kann.

Nach sieben gesundheitlich relativ ruhigen Jahren holt mich 1988 die Krankheit wieder ein. Trotz nach wie vor relativ guter und konstanter Leberwerte hat sich mein Gesundheitszustand verschlechtert, und es kommt erstmalig zu heftigen Blutungen von Ösophagusvarizen (Krampfadern in der Speiseröhre, die sich in Folge der Leberzirrhose dort gebildet haben). Ich werde in unser örtliches Kreiskrankenhaus eingeliefert und von dort aufgrund der schweren Komplikationen sofort an die chirurgische Endoskopie des Universitätskrankenhauses in Hamburg-Eppendorf (UKE) überwiesen.

Nun beginnt ein nicht enden wollender Kampf gegen immer wieder neu entstehende Krampfadern in Speiseröhre und Magen. Die Behandlung und Kontrolle erfordert ständig wiederkehrende ambulante Krankenhausbesuche und einen sechswöchigen Reha-Aufenthalt. Auch hiermit lerne ich nach anfänglicher Frustration und Depression umzugehen, so dass ich weitere sechs Jahre meinem Beruf nachgehen kann. Zwischenzeitlich bin ich den Ärzten des Klinikums ambulant als Transplantationskandidat vorgestellt worden.

Ende 1995 eskaliert dann allerdings die Situation vollkommen: Mit einer schweren Gallenblasenentzündung werde ich ins UKE eingeliefert und stationär aufgenommen. Vorausgegangen sind wochenlang immer wiederkehrende Notfallsituationen mit schweren Gallenkoliken, die nun kaum noch beherrschbar sind. Nur noch mit schweren Antibiotikagaben kann die Entzündung eingedämmt werden.

Alle Untersuchungen zeigen an, dass die Leberleistung massiv abnimmt. Neben der Varizenbildung habe ich nun mit weiteren Komplikationen zu kämpfen: Aszites (Bauchwasser sammelt sich in großen Mengen frei im Bauchraum und muss regelmäßig durch Punktion von außen abgesaugt werden) und hepatische Enzephalopathie (diese bewirkt Ausfallerscheinungen des Gehirns, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, verlangsamte Reaktion, verändertes Schlafverhalten, Veränderungen des Schriftbildes etc.). Ferner steigt der Gallenfarbstoff Bilirubin im Blut an und meine Haut verfärbt sich zunehmend gelb bis braungrau. Das Weiß meines Augapfels ist in völliges Gelb umgeschlagen.

Alle Untersuchungen zeigen, dass es nun nach knapp 20 Jahren soweit ist: Mein Leben kann nur noch durch eine Lebertransplantation gerettet werden. Obwohl ich fast zwei Jahrzehnte Zeit hatte, mich mit dem Gedanken einer Organtransplantation anzufreunden, trifft mich nun doch die Gewissheit wie ein Schock.

Ich sitze in meinem Krankenbett, und es gelingt mir nur schwer, meine Gedanken zu ordnen. Wie zu Beginn der Krankheit habe ich erneut Existenz-, ja Todesangst, nicht zu reden von den Fragen, die unbeantwortet im Raume stehen.

In dieser Situation bin ich dankbar für jede Hilfe von außen, die meine Entscheidung für eine Transplantation stützt. Niemals werde ich hier die Kraft und Stärke vergessen, die ich durch die Anteilnahme meiner Frau erhielt. Sie hat mich umsorgt, war immer für mich da und hat stets meine Entscheidungen mitgetragen. Ihre Sorgen und Ängste, die bestimmt nicht geringer sind als meine, kann ich nicht ermessen, ahne aber, was innerlich in ihr vorgeht.

Über die Ärzte, Koordinatoren und Psychologen des Klinikums erfahre ich einiges über die Vergabe der Organe und das Leben, vor allem die Lebensqualität nach der Transplantation. Doch bekomme ich überhaupt noch rechtzeitig ein Organ zugeteilt?

Durch ständige Gespräche und das Sammeln von Informationen bin ich schließlich soweit, der Transplantation zuzustimmen und sehe nun auch mit positiven Gedanken dem Tag X entgegen. Eine Frage beschäftigt mich aber dennoch, die mir niemand wirklich beantworten kann: Wie ist es, mit dem Organ eines fremden, verstorbenen Menschen zu leben? Ich beschließe, es zu probieren, denn die Alternative ist der Tod.

In fünf Wochen Krankenhausaufenthalt erfolgt nun die Evaluation (medizinische Begutachtung des gesamten Körpers, so dass eine Transplantation gerechtfertigt werden kann). Danach werde ich auf die Warteliste von Eurotransplant gesetzt und aufgrund meines Zustands sofort als sehr dringlich gelistet. Auf meine Bitte werde ich aber vor Weihnachten 1995 nochmals nach Hause entlassen. Mein Gesundheitszustand hat sich weiter verschlechtert: Ich muss spezielle eiweißarme Nahrung zu mir nehmen und sitze zu Hause nur noch lethargisch im Sessel. Die Zimmertemperatur beträgt 28 °C, ich bin mit einer dicken Wolldecke zugedeckt und friere immer noch.

Mir ist mittlerweile alles egal, auch wenn ich sterbe! Ich habe keine Kraft mehr, um mein Leben zu kämpfen! Auch das Weihnachtsfest gibt mir keine positiven Impulse mehr.

Dann erfolgt der erste Anruf des Transplantationskoordinators aus der Klinik. Es ist die Woche „zwischen den Jahren". Er deutet an, dass evtl. noch heute ein Organ für mich zur Verfügung stehe. Noch müssten aber bis zum Abend weitere Formalitäten der Organspende erledigt und medizinische Untersuchungen des Organs durchgeführt werden. Ich bin aufgeregt! Geht es nun in die alles entscheidende Operation?

Am Abend dann der erneute Anruf aus der Klinik: Fehlalarm! Leider muss das gespendete Organ einem anderen Patienten in den Niederlanden zugeteilt werden. Ich bin sogar erleichtert, obwohl mir bewusst ist, dass „Aufgeschoben nicht Aufgehoben" ist und mein Leben von der Lebertransplantation abhängt.

So überstehe ich noch mehr schlecht als recht den Silvester- und Neujahrstag.

Die Operation

Am 10. Januar 1996 erfolgt dann ein zweiter Anruf aus dem Universitätskrankenhaus in Hamburg-Eppendorf (UKE), und nun sollte es gelingen!

Eine halbe Stunde später werde ich gegen 18 Uhr von einem Notarztwagen abgeholt und zusammen mit meiner Frau ins Klinikum gefahren. Ich habe gerade noch Zeit, einmal zu duschen; meine Reisetasche steht sowieso bereits seit langem fertig gepackt an ihrem Platz. In der Klinik müssen wir noch geraume Zeit warten, bis endgültig vor Ort geklärt ist, ob die gespendete Leber transplantabel ist und die geplante OP nicht im letzten Augenblick erneut verschoben werden muss. Doch ich habe Glück, und so erhalte ich gegen 22 Uhr ein Zimmer mit einem Bett zugewiesen. Es folgen noch letzte OP-Vorbereitungen (EKG, Röntgenbild der Lunge etc.).

Eigentümlicherweise bin ich nun völlig ruhig und denke nicht im Entferntesten daran, dass die kommende Transplantation auch tödlich enden kann. Ich habe volles Vertrauen in meine behandelnden Ärzte und gehe einigermaßen gelassen in diese lebensbedrohliche Operation.

Nicht zuletzt durch die Ruhe und Routine der Pflegekräfte und der Ärzte wird mir dieses riesige Vertrauen in ihre Fähigkeiten vermittelt.

Ich verabschiede mich (vielleicht für immer?) von meiner Frau und werde dann mitten in der Nacht in den Vorbereitungsraum des Operationssaales geschoben. Dort treffe ich auf den Anästhesisten, der meine Narkose einleitet. Meine letzten Gedanken, bevor ich einschlafe, gelten meiner Frau und meinem Sohn: Ich hoffe, wir sehen uns wieder! Ich werde von einem Ärzteteam operiert und erhalte eine „neue" Leber!

Die sechseinhalbstündige Operation verläuft komplikationslos und erfolgreich, so dass ich am Morgen des 11. Januar 1996 auf der Intensivstation erwache! Ich habe eine zweite Chance erhalten! Mein „neues" Leben kann nun im Alter von knapp 42 Jahren beginnen!

Mein „neues" Organ funktioniert. Da auch meine anderen Parameter stabil sind, kann ich schon bald die Intensivstation verlassen und werde auf die entsprechende Pflegestation verlegt. Kaum bin ich wieder einigermaßen bei Bewusstsein, stellen sich erneut wieder Fragen ein. Für mich wohl in diesem Moment die bedeutendste Frage dabei ist: Hat die Transplantation überhaupt stattgefunden, oder hat man bei der OP bereits z. B. ein Leberkarzinom entdeckt und mich sofort wieder ohne Transplantation zugenäht? Ich stelle allen Ärzten und dem Pflegepersonal diese Frage und versuche bei ihren Antworten zwischen den Zeilen zu lesen, während sie mir immer wieder versichern, dass alles gut verlaufen und ich transplantiert sei. Langsam aber sicher beginne ich dann selber an eine erfolgreiche Lebertransplantation zu glauben. Ein untrügliches Indiz dafür ist für mich schließlich der wieder funktionierende Wärmehaushalt meines Körpers: Es ist Januar, und ich liege bei offenem Fenster nur spärlich zugedeckt auf meinem Bett, und mir ist immer noch warm; welch ein Gegensatz zu den Wochen vorher!

Versehen mit zahlreichen Zu- und Abgängen aus meinem Körper wie u. a. einem zentralen Venenkatheter am Hals (ZVK), zwei Drainagen im Bauchraum, einem Blasenkatheter und einer Lungendrainage fühle ich mich noch sehr hilflos. Aber ich werde umsorgt und gepflegt und man versichert mir, dass dies alles nach einer so schweren OP nur vorrübergehend sei und ich schon bald wieder auf den Füßen stehen werde.

Zunächst freue ich mich auf den Besuch meiner Frau und ein Wiedersehen mit ihr! Sobald ich auf der Station bin, ist sie da, aus Gründen der Hygiene noch komplett mit grüner Haube, Kittel, Schuhüberziehern und Gummihandschuhen vermummt, aber sie ist da und hält meine Hand - welch ein Glücksgefühl, welch eine Gefährtin, die mit mir dies alles bisher durchgestanden hat, die sich um alles gekümmert hat, wozu ich nicht mehr in der Lage war!

Mit zwei Ausnahmen gibt es keine postoperativen Komplikationen: Am zweiten Tag nach der Operation fällt auf, dass sich bei mir rund um den Bauch große Blutergüsse gebildet haben, die durch aussickerndes Blut aus Lebergefäßen entstehen und eine erneute OP mit Spülung des Bauchraumes und ggf. Nacharbeiten der Gefäßchirurgen notwendig machen. Nur wiederwillig gestatte ich diese zweite OP, denn sie schürt erneut meine Überlebensangst, aber es muss wohl sein.

Nach einer halbstündigen OP und einem kurzen Aufenthalt auf der Intensivstation ist auch diese Hürde genommen.

Außerdem sind durch die Intubation meine Stimmbänder in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass ich nur kaum und lediglich ganz leise sprechen kann. Diese Heiserkeit soll nach ärztlicher Auskunft aber schnell wieder vorübergehen.

Die ersten Monate

Ich spüre nun langsam, wie es mir täglich besser geht. Der dicke Bauch mit den Wasseransammlungen ist verschwunden. Ich kann wieder einigermaßen klar denken und auch die Varizen in Speiseröhre und Magen sind wohl verschwunden. Schritt für Schritt normalisieren sich meine Körperfunktionen wieder. Neben der normalen Pflege erhalte ich täglich Krankengymnastik und natürlich ärztliche Betreuung sowie psychologische Unterstützung.

Von Tag zu Tag mache ich Fortschritte. Zuerst wird der Blasenkatheter entfernt, da meine Nieren gut funktionieren und ich bereits allein zur Toilette gehen kann. Dann folgen die Lungen- und Bauchdrainagen und zuletzt der ZVK. Meine Frau darf mich jetzt auch schon ohne Schutzkleidung besuchen.

Schnell nehme ich auch bereits wieder regelmäßig und mit gutem Hunger an den Mahlzeiten teil. Bei meinem „ersten" Frühstück liegen zwei Brötchen auf dem Teller. Ich habe Tränen vor Glück in den Augen, denn ab sofort kann ich wieder normal essen und trinken.

Allerdings muss ich noch lernen, wie ich mit der neuen Situation umzugehen habe:

  • Um eine Abstoßung des fremden Organs zu verhindern, muss ich nun lebenslang mit großer Regelmäßigkeit und täglich so genannte immunsuppressive Medikamente einnehmen, welche die Funktionen meines Immunsystems vermindern.
  • Ich muss in ständiger medizinischer Nachsorge verbleiben, damit u. a. auch meine Medikamentenspiegel im Blut überwacht werden können und bei Infektionen oder anderen Komplikationen schnell gehandelt werden kann.
  • Wichtig ist auch die Hygiene, der Umgang mit Haustieren und Pflanzen in Wohnung und Garten, das Verhalten auf Reisen und der Verzehr bestimmter Nahrungsmittel und noch einige andere wichtige Details, die helfen sollen, mein Überleben mit dem fremden Organ langfristig zu sichern. Gleichzeitig sollen sie meine Lebensqualität aber möglichst wenig einschränken.

Insgesamt verbringe ich nur 12 Tage in der Klinik und werde dann noch auf wackeligen Beinen in mein zweites Leben entlassen. Zunächst wöchentlich, später dann aber in immer größeren Abständen, muss ich mich in der Transplantationsambulanz vorstellen, damit man meine Medikamenteneinstellung und die gesundheitlichen Fortschritte genauestens beobachten und ggf. regulierend eingreifen kann.

Doch zunächst folgt nach dem Krankenhausaufenthalt wenig später eine dreiwöchige Anschlussheilbehandlung (AHB) in einer Reha-Klinik. Hier lerne ich im Erfahrungsaustausch viel von Mitpatienten, und es gelingt mir, durch sportliche Betätigung wieder verlorene Muskelmasse aufzubauen. Auch mein Gewicht steigt langsam wieder an. So habe ich die Hoffnung, die gut 25 kg Körpergewicht, die ich vor der Transplantation abgenommen habe, teilweise wieder zuzunehmen. Geistig und körperlich gestärkt kehre ich aus der AHB zurück nach Hause, wo gleich auch schon das nächste große Problem auf mich wartet: Soll und kann ich wieder arbeiten, und wie viel Zeit benötige ich noch für die Rekonvaleszenz?

Nach langen Gesprächen mit Ärzten, meiner Krankenkasse, der Familie und den zuständigen Behörden entschließe ich mich ein halbes Jahr später einen Rentenantrag zu stellen und schweren Herzens meine berufliche Laufbahn und Karriere für die Erhaltung meiner Gesundheit aufzugeben. Rückblickend war dies die richtige Entscheidung, da ich, wie dies im Berufsleben nun einmal erforderlich ist, nicht mehr garantieren konnte, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Arbeit zu erledigen. Damals wie heute gibt es Stunden und Tage mit Konzentrationsschwächen und körperlicher und geistiger Abgeschlagenheit.

Meine Entscheidung wird auch durch die Tatsache beeinflusst, dass vermutlich durch die Einnahme von Cortison ein Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) ausgelöst wird. Nun muss ich in Schulungen mit dieser zusätzlichen Erkrankung umgehen und sie beherrschen lernen.

Weitaus größere Sorgen bereitet mir und den Ärzten die Reinfektion des Transplantats mit dem Hepatitis-C-Virus. Bereits noch während der AHB steigen meine Leberwerte an, und der Virus ist wieder nachweisbar. Um eine erneute Transplantation in spätestens fünf Jahren zu vermeiden, wird daher eine Behandlung mit virushemmenden Medikamenten erforderlich. Sie soll die Viruslast in meinem Körper minimieren, damit der Virus keinen Schaden anrichten kann. Allerdings ist die Therapie nicht ganz ohne Nebenwirkungen, wie Müdigkeit und eine massive Absenkung des Hämoglobin-Werts (Hb). Aber mir gelingt es, die Behandlung dennoch ein ganzes Jahr lang durchzuhalten. Der Erfolg rechtfertigt alle Mühen, denn bis heute ist der Virus mit Labormitteln nicht nachweisbar, so dass ich als geheilt gelte und meine neue Leber keinen Schaden nehmen kann.

Insgesamt verläuft das erste Jahr nach der Transplantation mit vielen Höhen und Tiefen: Das Organ arbeitet und funktioniert sehr gut. Aber es stellen sich eine Reihe von kleineren und größeren Krankheitsproblemen anderer Art ein, mit denen ich nun umgehen bzw. fortan wohl auch leben muss.

Während die meisten Probleme nur temporär auftreten und nach einer gezielten Behandlung schnell wieder abklingen, zählt ein Pleuraerguss 1997 zu den größeren Komplikationen. Aus ungeklärter Ursache lagert sich auf meiner rechten Lungenseite immer wieder Flüssigkeit zwischen Brust- und Lungenfell ein. Die Behandlung zwingt mich zu einem dreiwöchigen Klinikaufenthalt, bei dem die Flüssigkeit aus der Lunge abgesaugt wird und beide Felle miteinander „verklebt" werden (Pleurodese).

Das neue Leben

Im Langzeitverlauf stellt sich 2003 durch die Einnahme der immunsuppressiven Medikamente eine Komplikation ein, die nur schwer behandelbar ist: Eine Niereninsuffizienz wird diagnostiziert. Ferner zeigt die Aufnahme einer Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) die Verengung meiner Nierenarterien. Letztere wird mittels einer Angiografie bestätigt, kann aber gleichzeitig durch das Setzen eines Stents behoben werden. Außerdem setzt ein erhöhter Blutdruck ein, der nur mit Medikamenten einstellbar ist.

Trotz dieser bleibenden Komplikationen (Diabetes, Niereninsuffizienz und Bluthochdruck) gelange ich zu einer positiven Lebenseinstellung, denn ohne die Transplantation wäre ich bereits tot.

Meine Lebertransplantation und die zahlreichen kleinen und größeren Erkrankungen erfordern meine ganze Aufmerksamkeit. Ich möchte ständig wissen, wie es um mich steht, welche Therapien möglich und mit welchen Chancen und Risiken sie behaftet sind.
So bin ich immer wieder gezielt auf der Suche nach Informationen, die meine Entscheidungen erleichtern und überhaupt erst konkrete Gespräche mit den Ärzten ermöglichen.

Neben den Informationen aus dem Internet und der Fachliteratur ist für mich eine wichtige Anlaufstelle der BDO - Bundesverband der Organtransplantierten e.V. (www.bdo-ev.de), ein Selbsthilfeverband für Transplantationsbetroffene. Neben sozialrechtlichen Hinweisen für meinen Rentenantrag lerne ich hier durch den Erfahrungsaustausch mit anderen Transplantierten viel über die Bewältigung des Alltagslebens nach Transplantation, die Vermeidung von Risiken und den Umgang mit Erkrankungen. Aber auch die Geborgenheit unter ebenfalls Betroffenen, die mich auffängt, wenn es mir einmal nicht so gut geht, ist eine große Hilfe. So entschließe ich mich, nicht nur passives Mitglied zu bleiben, sondern aktiv an der Gestaltung des Vereins im Vorstand und als Regionalgruppenleiter mitzuwirken und mich für die Organspende und andere Betroffene zu engagieren.

Rückblick:
Bisher sind gut 13 Jahre seit meiner Lebertransplantation vergangen, die mich zeitweise sehr belastet haben durch zusätzliche Erkrankungen und Komplikationen, die aber auch reich waren an neuen Erfahrungen: Ich durfte viele interessante Menschen kennen lernen und habe viele neue Freunde gewonnen, die ich ohne die Transplantation nie getroffen hätte.

In den zurückliegenden 13 Jahren durfte ich erleben, wie mein Sohn erwachsen wurde, er Abitur gemacht und sein Studium beendet hat. Ich durfte erleben, wie er geheiratet hat und das erste Enkelkind geboren wurde.

Ich kann Reisen unternehmen und habe begonnen, mich wieder sportlich zu betätigen. Dies alles sind Dinge, mit denen ich Ende 1995 bereits abgeschlossen hatte. Ich erlebe jeden Tag neu und freue mich einfach über die Tatsache, dass ich lebe und trotz einiger Einschränkungen eine gute Lebensqualität genieße.

Mein „zweites" Leben verdanke ich vor allem einem mir völlig unbekannten Menschen, der durch seine Organspende mein Weiterleben erst ermöglichte. Ihm werde ich immer dankbar sein. Aber auch die Ärzte und das Pflegeteam der Klinik mit ihrer Professionalität und ihrem Können haben zu meinem Überleben beigetragen sowie die Pharmaindustrie, die durch die Entwicklung und Bereitstellung entsprechender Medikamente erst ein Langzeitüberleben von Transplantaten ermöglicht.

Mein Dank gilt allen Menschen, die mich bisher durch mein Leben begleitet haben, insbesondere aber meiner Frau, die alle Höhen und Tiefen mit mir zusammen erlebt und gelebt hat und ohne die ich es wahrscheinlich nicht geschafft hätte.

Ich habe meine Entscheidung für eine Lebertransplantation nie bereut und hoffe, dass ich noch viele Jahre mein Leben genießen und nutzen kann, um auch anderen Menschen in ähnlicher Situation zu helfen.