Die Wartezeit
Meine Krankengeschichte beginnt an einem Wochenende im Jahr 1978. Es ist Samstag, und gerade halte ich den Brief in Händen, der meine Zulassung zum Studium der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum bestätigt.
Die Freude darüber währt jedoch nicht lange. Unerwartet und plötzlich setzen starke Schmerzen im rechten Oberbauch ein, die mich zwingen, noch am selben Tag einen Notarzt aufzusuchen. Als Urologe vermutet er Gallen- bzw. Nierensteine. Nach einer kurzen Untersuchung und einer krampflösenden Spritze, die auch die Schmerzen schnell eindämmt, werde ich mit der Bitte, schnellstmöglich meinen Hausarzt zu konsultieren, entlassen, damit weitere Untersuchungen veranlasst und eine genaue Diagnose gestellt werden können. Da ich nun selbst über meinen Gesundheitszustand so schnell wie möglich Gewissheit erhalten möchte, besuche ich sofort in der folgenden Woche meinen Hausarzt, der u. a. über eine Blutentnahme erhöhte Transaminasen (Leberwerte) feststellt, was weiterer Untersuchungen bedarf.
So erfolgt ein zweiwöchiger Krankenhausaufenthalt, bei dem über eine Reihe von Labormessungen und anderer Diagnoseverfahren wie Ultraschall, Bauchspiegelung mit einer Punktion der Leber sowie einem Brom-Jod-Test zur Überprüfung ihrer Funktionsfähigkeit die Ursache der erhöhten Transaminasen festgestellt wird.
Das Ergebnis kommt einem Todesurteil gleich: Ich bin erkrankt an einer Hepatitis „Non A Non B" (erst ein Jahrzehnt später wird sie als Hepatitis „C" klassifiziert), die bereits an einigen Stellen eine Leberzirrhose in Gang gesetzt hat. Die folgende, ausführliche Anamnese gibt keinen Aufschluss darüber, wann und wie ich mich mit dem Virus infiziert haben könnte. Bisher hatte ich, mit Ausnahme der üblichen Kinderkrankheiten, lediglich eine Blinddarmentzündung mit anschließender OP über mich ergehen lassen müssen, und nun bin ich mit einer tödlich verlaufenden Erkrankung infiziert! Zu diesem Zeitpunkt bin ich 24 Jahre alt, verheiratet, habe einen kleinen Sohn und mein Leben eigentlich erst noch vor mir.