Die Animation zeigt die Auswirkungen einer schwächeren oder stärkeren Immunsuppression nach allogener Blutstammzelltransplantation.
Die Dosis der Immunsuppressiva muss fein ausbalanciert werden.

Die ersten Wochen nach der allogenen Blutstammzelltransplantation (PBSZT)

Die ersten Wochen nach der Transplantation sind oft eine „schwere Zeit“. Infolge der Konditionierungstherapie ist der Körper geschwächt. Es ist eine intensive Betreuung im Krankhaus notwendig, um verschiedene Nebenwirkungen der Therapie zu lindern und ein Gelingen der Transplantation sicher zu stellen – also das Anwachsen der Spender-Stammzellen im Knochenmark und die Bildung neuer Blutzellen.

Aplasie

Da die eigenen Knochenmarkszellen durch die Konditionierungstherapie zerstört sind und die neue Blutbildung erst 14 bis 21 Tage nach der Transplantation beginnt, werden in diesem Zeitraum keine neuen Blutzellen gebildet (Knochenmarksaplasie). Im Blut sinkt die Anzahl aller Blutzellarten. Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) werden soweit durch Transfusionen ersetzt, dass keine lebensbedrohlichen Risiken entstehen.

Der Mangel an weißen Blutkörperchen (Leukozyten) wird Leukopenie bzw. Neutropenie genannt (Die neutrophilen Granulozyen machen den größten Anteil der Leukozyten aus). Er hat zur Folge, dass man nach der Transplantation für einige Wochen sehr anfällig für Infektionen ist und durch verschiedene Maßnahmen vor Keimen geschützt werden muss:

  • Man wird isoliert, d. h. man darf sein Zimmer nicht verlassen.
  • Die Isolierzimmer oder die gesamte Einrichtung sind mit speziellen Filteranlagen ausgestattet, welche die Keimzahl in der Luft gering halten.
  • Besucher, Ärzte und Pflegepersonal müssen bei Betreten des Zimmers Mundschutz tragen und sich die Hände desinfizieren.
  • Man darf nur keimfreie Kost essen.
  • Verschiedene Pflegemaßnahmen vermindern das Risiko, dass Keime, die eigentlich zur normalen Bakterienbesiedlung des Körpers gehören, in die Blutbahn gelangen und eine Infektion auslösen.
  • Man muss verschiedene Medikamente (z. B. Antibiotika) einnehmen, die vor Infektionen schützen.

Insbesondere im Bereich der Körperpflege können Transplantierte selbst zum Schutz vor Infektionen beitragen, u. a. durch:

  • Verwenden von Einmalwaschlappen und täglich frischen Handtüchern
  • Waschen mit einer antibakteriellen Waschlotion
  • Tägliches Cremen der Haut
  • Regelmäßige Mundspülungen mit desinfizierenden und pflegenden Lösungen
  • Rasieren nur mit elektrischen Rasierern, weil dies seltener zu Hautverletzungen führt

Wegen der niedrigen Thrombozytenzahl ist die Blutungsneigung etwas erhöht. Man sollte daher eine weiche Zahnbürste benutzen. Bei Thrombozytenzahlen unter 50.000/µl ist die Gefahr von Blutungen noch größer, so dass keine Zahnbürste mehr benutzt werden darf und man auch mit der Krankengymnastik aussetzen muss. Ab diesem Wert werden Thrombozyten-Transfusionen gegeben, damit man nicht lange einer hohen Blutungsneigung ausgesetzt ist.

Das Pflegepersonal der Station erklärt die verschiedenen Maßnahmen genauer.

Haare und Schleimhäute

Die Chemo- und ggf. Strahlentherapie wirken nicht nur auf die Zellen des Knochenmarks, sondern auch auf andere Zellarten, die sich häufig teilen bzw. kontinuierlich neu bilden. Davon sind insbesondere die Haare und die Schleimhäute betroffen. Die Haare fallen zunächst aus und wachsen meist nach 2 bis 3 Monaten wieder neu. Manchmal wachsen sie jedoch gar nicht mehr oder nur an einigen Stellen.

Die Schleimhäute (z. B. Mundschleimhaut, Darmschleimhaut) werden wund und können sich entzünden (Mukositis). Mit verschiedenen Mundspülungen soll die Mundschleimhaut gepflegt und vor Infektionen geschützt werden. Es kann sein, dass wegen starker Schmerzen für einige Tage keine Nahrungsaufnahme über den Mund möglich ist. Man erhält dann alle lebenswichtigen Nährstoffe als Infusionen über einen zentralen Venenkatheter (ZVK).

Nach einer dosisreduzierten Konditionierung sind die Auswirkungen auf die Blutzellen sowie auf Haare und Schleimhäute weniger stark ausgeprägt.

Immunsuppression zum Schutz vor der Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD)

Mit der allogenen Stammzelltransplantation transplantiert man quasi auch das Immunsystem des Spenders mit. Die Immunzellen (insbesondere Lymphozyten) können Körperzellen des Empfängers als fremd erkennen und sich gegen sie richten. Diesen Vorgang nennt man Graft-versus-Host-Reaktion (GvHR oder GvHD, D = disease) bzw. Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion. Das Risiko für eine GvHD ist umso geringer, je besser die HLA-Merkmale von Spender und Empfänger übereinstimmen.

In einem geringen Maße wird eine Graft-versus-Host-Reaktion durchaus hingenommen, weil man weiß, dass dann auch der Graft-versus-Leukemia-Effekt stärker ist (die Immunzellen des Spenders bekämpfen auch Krebszellen). Damit es nicht zu gefährlichen Ausprägungen der GvHD kommt, müssen jedoch immunsuppressive Medikamente eingenommen werden. Die Abschwächung des Immunsystems mithilfe der immunsuppressiven Medikamente erhöht wiederum das Risiko für Infektionen.

Daher muss die Dosis der immunsuppressiven Medikamente so angepasst werden, dass einerseits eine GvHD unterdrückt, andererseits das Immunsystem nicht unnötig stark geschwächt und der Graft-versus-Leukemia-Effekt nicht zu stark gedrosselt wird (s. Abbildung). Dafür werden die Blutspiegel einiger Medikamente regelmäßig überprüft.

Auswirkungen einer schwächeren oder stärkeren Immunsuppression nach allogener Blutstammzelltransplantation.
Die Dosis der Immunsuppressiva muss fein ausbalanciert werden.

Mehr Informationen zur Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) und zu Infektionen

Es geht bergauf!

Wenn die transplantierten Blutstammzellen mit der Bildung neuer Blutzellen beginnen, steigt auch deren Anzahl im Blut wieder. Sobald die Neutrophilenzahl über 500/µl steigt, kann die Isolation beendet werden. Auch die Schleimhäute erholen sich wieder, so dass das Essen wieder genossen werden kann.

Wenn die Blutwerte stabil sind und keine Komplikationen auftreten, wird man aus dem Krankenhaus entlassen, muss sich aber regelmäßig in der Ambulanz untersuchen lassen. Der Krankenhausaufenthalt dauert in der Regel 4 bis 6 Wochen. Auch zuhause gibt es einige Dinge zu beachten, um sich vor Infektionen zu schützen.

Meist können die Ärzte die Dosis der Immunsuppressiva nach einigen Monaten langsam verringern.

Stand: 08.09.2015

Autor, Datum, Quellen

Inhaltlich verantwortlich:
Dr. med. Susanne Rödel

Erstellt am:
11.01.2012

Aktualisiert am:
08.09.2015

Quellen:
[1] Informationen für Patienten mit Blutstammzelltransplantation und Knochenmarktransplantation. Universitätsklinikum Ulm, Stand 10/2014. http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kliniken/Innere_Medizin/InnereIII/Station/20141020_cEBKT_final.pdf (zuletzt besucht am 10.08.2015)
[2] Copelan EA: Hematopoietic stem-cell transplantation. N Engl J Med 2006; 354: 1813—26.
[3] Medizinischer Beirat von „Transplantation verstehen".

 

Weitere Artikel zum Thema "Das erste Jahr":

nach oben